Mittwoch 16. September 2026

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16.09.2026

Predigt zur Maria Namen Feier am 13.9.2026

Die Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zur Maria Namen Feier, am 13. September 2026 im Stephansdom:

Die Maria Namen Feier weckt in mir Kindheitserinnerungen. Denn schon als Kind war ich immer wieder in der Stadthalle bei der großen Marianamenfeier und ich kann mich noch daran erinnern, wie beeindruckt ich von diesen Menschenmassen war. In den letzten Jahrzehnten ist aber unsere Gebetsgemeinschaft kleiner geworden. Aber auch, wenn wir weniger geworden sind, wird unser Gebet nicht weniger wichtig! Denn das Gebet für den Frieden in der Welt ist immer aktuell und ganz besonders auch in unserer Zeit!

 

Wir feiern in diesem Jahr auch in besonderer Weise den heiligen Franziskus, der allen Menschen und Geschöpfen ein Bruder war und der auch als großer Friedensstifter gewirkt hat und verehrt wird. Pater Oliver hat uns wichtige Charakterzüge in der Spiritualität dieses Heiligen aufgezeigt, ich danke ihm sehr herzlich dafür.

 

Das Evangelium des heutigen Sonntags redet vom Zurechtweisen des Bruders und der Schwester und es wird dann weitergeführt in der Frage des Petrus: „Herr wie oft muss ich denn meiner Schwester, meinem Bruder vergeben, wenn sie sich gegen mich versündigt haben? Sieben Mal oder 77 Mal?“

 

Drei Impulse zum Friedenstiften zum Vergeben und zur Versöhnung.

Der erste Impuls, ein Blick auf unsere Gesellschaft, dann Gedanken zum Evangelium und dann der dritte Schritt, der entscheidende, der Blick auf uns selber. Wie geht es uns mit dem Vergeben und Verzeihen? Gesellschaftlich und im öffentlichen Leben werden die Themen Schuld und Versagen geradezu zelebriert. Vergebung hingegen ist kaum ein öffentliches Thema. Viele Menschen stellen heute nicht mehr wie Petrus die Frage „Wie oft muss ich vergeben?“, sondern sie fragen sich: Warum soll ich überhaupt vergeben? Ist Vergebung nicht ein Zeichen der Schwäche? Bagatellisiere ich mit der Vergebung nicht die Schuld des anderen?

Nicht Vergebung, sondern Empörung über das Versagen der anderen, Polemik und gegenseitige Schuldzuweisungen prägen unsere Gesellschaft. Digitale Medien wirken dabei wie Brandbeschleuniger und führen nicht selten zu einer Art „gesellschaftlicher Exkommunikation“: Wer tatsächlich oder auch nur vermeintlich schuldig geworden ist, wird an den Pranger gestellt, fertiggemacht und abgeschrieben. Wer schuldig wird, muss weg.

 

In einer Welt ohne Bereitschaft zur Vergebung und zur Versöhnung gehen Empathie, Barmherzigkeit und Wohlwollen verloren. Gräben werden aufgerissen, Gewaltbereitschaft und Extremismus können wachsen.

Freilich liebe Schwestern und Brüder: Schuld muss benannt werden. Fehlverhalten muss geahndet und wenn nötig bestraft werden. Aber eines darf uns nicht verlorengehen: Das Bewusstsein, dass es nicht immer nur die anderen sind, die Fehler machen, sondern dass kein Mensch fehlerlos ist. Dass wir alle nur existieren und leben können, weil unsere Mitmenschen barmherzig, nachsichtig und geduldig mit uns und unseren eigenen Schwächen umgehen. Der heilige Augustinus hat es so formuliert: Den Menschen und damit auch den Sünder lieben, aber die Sünde und das Böse hassen. Wenn diese Einsicht fehlt, wenn Menschen auf ihre Schuld, auf ihre Schwächen und ihr Versagen reduziert werden, dann wird Gemeinschaft zerstört, dann sinkt der soziale Grundwasserspiegel, dann werden Versöhnung und ein Neubeginn erschwert, ja fast unmöglich gemacht.

 

Damit komme ich in einem zweiten Schritt zum Evangelium. Wenn dein Bruder etwas gegen dich hat, dann weise ihn zurecht. Und dann anschließend die Frage des Petrus - Wie oft muss ich vergeben? Jesus hat diese Frage des Petrus mit einem Gleichnis beantwortet, in dem ein König einem Schuldner eine unvorstellbar hohe Summe nachlässt und schenkt. Und dieser Knecht, dem soviel geschenkt wurde, hinausgeht und mit einem seiner Kollegen unbarmherzig und unverzeihlich umgeht.

 

Wir leben von der Vergebung Gottes und Jesus erinnert uns daran: Sei bereit anderen zu vergeben, denn wie oft hast du schon Gott um Vergebung gebeten?

Im Vater-unser heißt es immer wieder: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Immer wenn ich das bete denke ich mir: hoffentlich nimmt mich der liebe Gott da nicht beim Wort. Denn ich vertraue darauf und ich lebe davon, dass Gott mir im größeren Maß vergibt und dass er mehr Geduld und Nachsicht mit mir hat als ich es mit meinen Mitmenschen oft schaffe und leben kann.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Forderung des Evangeliums, immer versöhnungsbereit zu sein, immer bereit zu sein zu vergeben und einen Neubeginn zu ermöglichen, oft auch eine Überforderung für uns ist. Für viele Menschen, für viele Christen gehört das Verzeihen und Vergeben ja zu den schwierigsten Kapiteln christlichen Lebens.

 

Wer vergeben und verzeihen will, darf nicht auf das Verhalten seiner Mitmenschen reagieren nach dem Motto: Wenn du mir freundlich und versöhnlich begegnest, dann begegne ich dir auch freundlich und versöhnlich. Jesus ermuntert uns dazu, dass wir nicht bloß reagieren auf unsere Mitmenschen, sondern dass wir uns immer und in jeder Situation an Gott, an seiner Barmherzigkeit, an seiner Geduld orientieren.

 

Der alte Grundsatz: „Wie du mir, so ich dir“ hat ausgedient. Die neue Regel des Evangeliums lautet: „Wie Gott mir, so ich dir!“ Weil Gott mir immer wieder vergibt, weil ich von seiner Geduld und Barmherzigkeit lebe, will auch ich geduldig, barmherzig und versöhnungsbereit sein.

Es braucht den Blick auf Gott, denn nur so können Versöhnung und Friede wachsen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Beides gehört zusammen. Ohne Gott, ohne den Blick auf Gott, ohne dass wir ihm die Ehre geben, auf sein Wort hören und nach diesem neuen Grundsatz „Wie du Gott mir, so ich meinen Mitmenschen!“, ohne all dem, wird es keinen Frieden geben auf Erden.

 

 

Ich schließe mit einer Legende aus dem Leben des Heiligen Franz von Assisi, der ein Friedensstifter, ein Mann des Friedens war. Es heißt, dass es Franziskus nicht gelungen ist, den Bruch mit seinem Vater zu kitten. Die Dreigefährtenlegende berichtet, dass der Vater seinen Sohn bei jeder Begegnung in der Stadt Assisi mit Flüchen und Beschimpfungen aggressiv angegangen ist. Denn er konnte Franziskus nicht verzeihen, was er ihm und seiner Familie und seinem Betrieb angetan hat.

In dieser persönlich sehr bedrängenden Situation, wo es auch keine Aussicht mehr auf Gespräch, auf Versöhnung gegeben hat, entscheidet sich der heilige Franziskus für eine Art Notlösung, für einen Kompromiss: Kommt ein Fluch vom Vater, lässt er sich von einem seiner Begleiter segnen.

Der Bruch mit der Familie und diese Wunde wurde damit nicht aus der Welt geschafft aber vielleicht geheilt. Dem Hass des Vaters stellt Franziskus den Segen Gottes gegenüber.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht geht es manchen hier unter uns auch so ähnlich: Manchmal bleibt im Leben etwas unversöhnt und manchmal gibt es auch keine Gelegenheit mehr sich zu versöhnen. Auch dann bleibt uns immer noch, dass wir füreinander beten und füreinander den Segen Gottes erbitten.

Wir sind hier als Gebetsgemeinschaft versammelt und wir vertrauen: unser Gebet ist eine geistig-geistliche Kraft. Durch betende Menschen kann Gott vieles bewegen und bewirken. Ich danke allen, die treu und zuversichtlich für den Frieden in der Welt beten und im alltäglichen Leben auch ganz konkrete Handwerker der Versöhnung und des Friedens sind.

 

Franziskus, du Friedensstifter, Maria, du Königin des Friedens:

Bittet für uns!